Kategorie: Lernen

  • The hunt starts within the last hundred yards

    The hunt starts within the last hundred yards

    Ich habe das erste Kapitel von Gert G. von Harling gelesen. Der Weg zum Wahren Jäger. Und ich merke, wie sehr mich der Gedanke trifft. Da steht ein Satz, der hängen bleibt.
    „The hunt starts within the last hundred yards.“
    Ich übersetze das so.
    Die Jagd beginnt auf den letzten hundert Metern.

    Ich lese das und denke nicht an Romantik. Ich denke an eine Entscheidung, die ich im Revier immer wieder treffe.
    Bleibe ich beim Ansitz und warte. Oder pirsche ich an und nehme Dreck, Nässe und schmutzige Kleidung in Kauf.

    Der Satz klingt nach Abenteuer. Pirsch klingt nach Bewegung. Nach Nähe. Nach Arbeit. Und ja, das wirkt im ersten Moment lebendiger als das Warten auf der Kanzel.

    Aber ich will ehrlich sein. Die Frage ist nicht, was spannender ist. Die Frage ist, was weidgerecht ist.

    Ich kenne den Ansitz als ruhigen Weg.
    Ich sitze. Ich beobachte. Ich spreche an. Ich habe Zeit. Ich habe einen festen Anschlag. Ich kann entscheiden, ob es passt oder nicht. Für Sicherheit ist das oft die bessere Grundlage. Und Sicherheit ist kein Nebenthema. Sie ist Pflicht.

    Ich kenne die Pirsch als arbeitsreichen Weg.
    Wind lesen. Deckung nutzen. Langsam sein. Stoppen. Warten. Wieder gehen. Dabei wird man nass. Dabei wird man dreckig. Dabei ist man oft näher dran.

    Beim Lesen ist mir klar geworden. Ich darf Pirsch nicht mit Weidgerechtigkeit verwechseln. Und ich darf Distanz nicht automatisch falsch finden.

    Weidgerecht ist für mich nicht nah oder weit.
    Weidgerecht ist, wenn der Schuss sicher ist.
    Weidgerecht ist, wenn ich ruhig bin.
    Weidgerecht ist, wenn der Kugelfang passt.
    Weidgerecht ist, wenn ich nicht schieße, nur weil ich jetzt endlich will.

    Der Satz mit den letzten hundert Metern bringt mich trotzdem weiter, weil er mich auf etwas hinweist.
    Die Jagd beginnt nicht beim Schuss. Sie beginnt vorher. Dort, wo ich mich entscheide, wie ich jage.

    Und dabei habe ich für mich eine klare Trennlinie gebraucht.
    Wann ist Mühe richtig. Und wann ist sie nur Ego.

    Mühe ist für mich weidgerecht, wenn sie dem Ziel dient, einen sicheren Schuss möglich zu machen oder einen Schuss ganz zu vermeiden.
    Also. Wind prüfen. Zeit nehmen. Ansprechen. Warten. Näher gehen, wenn es dadurch sicherer wird. Abbrechen, wenn es nicht passt.

    Mühe wird Ego, wenn sie nur mir dient.
    Wenn ich näher ran will, obwohl ich schon eine sichere Chance habe.
    Wenn ich weiter mache, obwohl das Wild unruhig wird.
    Wenn ich die Situation verschärfe, nur damit ich später sagen kann, wie nah ich dran war.

    Ich brauche dafür keinen großen Satz. Ich brauche einen Prüfstein, der im Revier funktioniert.

    Wird es für das Wild ruhiger und für mich sicherer. Dann ist Mühe richtig.
    Wird es für das Wild unruhiger und für mich riskanter. Dann ist es Ego. Dann breche ich ab.

    Das verändert meinen Blick auf Ansitz und Pirsch.

    Ansitz ist nicht bequem, wenn ich ihn sauber mache.
    Ansitz heißt, ich halte mich zurück. Ich lasse Zeit. Ich lasse das Wild ziehen. Ich akzeptiere, dass heute nichts fällt, wenn es nicht passt. Das ist nicht wenig. Das ist Disziplin.

    Pirsch ist nicht automatisch fair, nur weil sie näher ist.
    Pirsch ist fair, wenn ich leise bin, wenn ich Wind und Deckung nutze, wenn ich nicht drücke, wenn ich abbreche, sobald es kippt. Pirsch ist unfair, wenn ich mit Ehrgeiz Druck mache.

    Und dann bleibt die Distanz.

    Ein Schuss aus weiterer Distanz kann weidgerecht sein, wenn ich das wirklich beherrsche und wenn alle Bedingungen stimmen.
    Aber er ist nicht weidgerecht, wenn ich auf Hoffnung schieße.

    Ein Schuss aus kurzer Distanz kann weidgerecht sein, wenn ich ruhig bin und wenn es eine klare, sichere Chance ist.
    Aber er ist nicht weidgerecht, wenn ich mich in eine Nähe zwinge, die Unruhe bringt und Sicherheit nimmt.

    Meine Erkenntnis nach dem ersten Kapitel ist klar.
    Weidgerechtigkeit entscheidet sich nicht an der Methode. Sie entscheidet sich an meiner Entscheidung im Moment. Ob ich Sicherheit vor Stolz stelle. Ob ich Ruhe vor Ehrgeiz stelle. Ob ich abbreche, wenn es nicht passt.

    Und jetzt frage ich dich.
    Woran merkst du bei dir im Revier, dass du gerade aus Verantwortung handelst und nicht aus Ego?

    In diesem Sinne – The hunt starts within the last hundred yards

  • Der kleine Jagdkompass

    Der kleine Jagdkompass

    Ich habe „Der kleine Jagdkompass – Wie möchtest Du jagen?“ von Helen Schuppenhauer und Christopher Stoll gelesen und ich bin ehrlich begeistert. Nicht, weil es mir Jagdromantik verkauft. Sondern weil es mich zwingt, die Dinge sauber zu Ende zu denken. Genau da, wo man sonst gern ausweicht: Ethik, Verantwortung, Technik, Tradition, gesellschaftliche Erwartungen sowie die Frage, was davon zu meinem eigenen Verständnis von weidgerechtem Jagen passt.

    Ich kenne den Unterricht in einer Jagdschule und ich kenne Revierpraxis. Und ich habe erkannt, dass bestimmte Themen dort entweder gar nicht oder nur am Rand vorkommen. Dieses Buch rückt sie ins licht. Nicht als Urteil, sondern als Kompass.

    Was mir an dem Buch auffällt: Es spricht Dich direkt an. Nicht im Sinne von „Du musst“, sondern im Sinne von „Du solltest wissen, worauf Du Dich stützt“. Die Autoren zeigen, wie schnell Diskussionen über Jagd in Meinungen, Lagerdenken und Schlagworte kippen und wie wichtig es ist, überhaupt erst einmal zu unterscheiden, was sind die Fakten? Was sind meine eigenen Werte? Was ist Gewohnheit? Was ist Brauchtum? Und was ist wirklich Ethik?

    Der Aufbau ist dabei konsequent. Immer wieder läuft es auf vier Felder hinaus, wie eine Orientierungshilfe, wenn es unübersichtlich wird:

    Was wissen wir?

    Was tun wir als Gesellschaft?

    Was kannst Du als Jäger tun?

    Deine Reflexion: Was wirst Du tun?

    Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn wenn man ehrlich antwortet, merkt man schnell, wie oft man sich im Alltag auf „das machen wir immer so“ verlässt. Und genau da fängt das Buch an zu arbeiten.

    Stark finde ich auch, dass es nicht nur im eigenen Saft kocht. Im Buch wird auf Experteninterviews verwiesen, unter anderem mit Prof. Dr. Dr. habil. Sven Herzog, Simon Abeln, Ralf Schulte, Prof. Dr. Markus Mühling und Kay Hagemann. Diese Perspektiven sind hilfreich, weil sie die Jagd nicht nur aus Jägersicht betrachten. Und weil sie zeigen, dass man gute Argumente braucht, nach außen, aber vor allem nach innen.

    Inhaltlich greift der Jagdkompass Themen auf, über die man in der Jägerschaft schnell in Streit gerät. Beispiele, die im Inhaltsverzeichnis sofort ins Auge springen: Baujagd, Jagdreisen (u. a. als Fallbeispiel Namibia), Winterfütterung (Rotwild und Niederwild), Technik bei der Jagd (Nachtsichtgeräte, Drohnen, Exkurse wie Bogenjagd) und ein Kapitel im Spannungsfeld von ASP, Wildschäden und Verantwortung. Für mich war das genau die richtige Mischung, nicht oberflächlich, aber auch nicht akademisch abgehoben. Man wird mitgenommen, bekommt Begriffe erklärt (z. B. Nachhaltigkeit, Biodiversität, Naturverständnis), und man wird immer wieder zurückgeführt auf die Kernfrage: Wie möchtest Du jagen?

    Und jetzt kommt der Punkt, der für mich den Unterschied macht. Dieses Buch verändert nicht automatisch Dein Handeln. Aber es verändert Deinen Blick. Ich sehe Dinge jetzt anders. Nicht weil ich plötzlich „besser“ jage, sondern weil ich klarer sehe, worauf mein Handeln eigentlich basiert. Wo ich nur wiederhole. Wo ich wirklich überzeugt bin. Und wo ich noch keine saubere Position habe.

    Wenn Du Dich für weidgerechtes Jagen nicht nur als Wort interessierst, sondern als Haltung, dann ist „Der kleine Jagdkompass“ aus meiner Sicht eine sehr gute Investition. Es ist kein Buch, das Dir fertige Antworten hinlegt. Es ist ein Buch, das Dich in die Verantwortung nimmt, ruhig, strukturiert, fundiert. Genau deshalb regt es zum Denken an.

    Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Wirkung. Du wirst als Jäger nicht nur „informierter“, sondern bewusster. Und das ist für mich ein Kern von weidgerechtem Handeln.

    Weidmannsheil.