Ich habe „Der kleine Jagdkompass – Wie möchtest Du jagen?“ von Helen Schuppenhauer und Christopher Stoll gelesen und ich bin ehrlich begeistert. Nicht, weil es mir Jagdromantik verkauft. Sondern weil es mich zwingt, die Dinge sauber zu Ende zu denken. Genau da, wo man sonst gern ausweicht: Ethik, Verantwortung, Technik, Tradition, gesellschaftliche Erwartungen sowie die Frage, was davon zu meinem eigenen Verständnis von weidgerechtem Jagen passt.
Ich kenne den Unterricht in einer Jagdschule und ich kenne Revierpraxis. Und ich habe erkannt, dass bestimmte Themen dort entweder gar nicht oder nur am Rand vorkommen. Dieses Buch rückt sie ins licht. Nicht als Urteil, sondern als Kompass.
Was mir an dem Buch auffällt: Es spricht Dich direkt an. Nicht im Sinne von „Du musst“, sondern im Sinne von „Du solltest wissen, worauf Du Dich stützt“. Die Autoren zeigen, wie schnell Diskussionen über Jagd in Meinungen, Lagerdenken und Schlagworte kippen und wie wichtig es ist, überhaupt erst einmal zu unterscheiden, was sind die Fakten? Was sind meine eigenen Werte? Was ist Gewohnheit? Was ist Brauchtum? Und was ist wirklich Ethik?
Der Aufbau ist dabei konsequent. Immer wieder läuft es auf vier Felder hinaus, wie eine Orientierungshilfe, wenn es unübersichtlich wird:
Was wissen wir?
Was tun wir als Gesellschaft?
Was kannst Du als Jäger tun?
Deine Reflexion: Was wirst Du tun?
Das klingt simpel. Ist es aber nicht. Denn wenn man ehrlich antwortet, merkt man schnell, wie oft man sich im Alltag auf „das machen wir immer so“ verlässt. Und genau da fängt das Buch an zu arbeiten.
Stark finde ich auch, dass es nicht nur im eigenen Saft kocht. Im Buch wird auf Experteninterviews verwiesen, unter anderem mit Prof. Dr. Dr. habil. Sven Herzog, Simon Abeln, Ralf Schulte, Prof. Dr. Markus Mühling und Kay Hagemann. Diese Perspektiven sind hilfreich, weil sie die Jagd nicht nur aus Jägersicht betrachten. Und weil sie zeigen, dass man gute Argumente braucht, nach außen, aber vor allem nach innen.
Inhaltlich greift der Jagdkompass Themen auf, über die man in der Jägerschaft schnell in Streit gerät. Beispiele, die im Inhaltsverzeichnis sofort ins Auge springen: Baujagd, Jagdreisen (u. a. als Fallbeispiel Namibia), Winterfütterung (Rotwild und Niederwild), Technik bei der Jagd (Nachtsichtgeräte, Drohnen, Exkurse wie Bogenjagd) und ein Kapitel im Spannungsfeld von ASP, Wildschäden und Verantwortung. Für mich war das genau die richtige Mischung, nicht oberflächlich, aber auch nicht akademisch abgehoben. Man wird mitgenommen, bekommt Begriffe erklärt (z. B. Nachhaltigkeit, Biodiversität, Naturverständnis), und man wird immer wieder zurückgeführt auf die Kernfrage: Wie möchtest Du jagen?
Und jetzt kommt der Punkt, der für mich den Unterschied macht. Dieses Buch verändert nicht automatisch Dein Handeln. Aber es verändert Deinen Blick. Ich sehe Dinge jetzt anders. Nicht weil ich plötzlich „besser“ jage, sondern weil ich klarer sehe, worauf mein Handeln eigentlich basiert. Wo ich nur wiederhole. Wo ich wirklich überzeugt bin. Und wo ich noch keine saubere Position habe.
Wenn Du Dich für weidgerechtes Jagen nicht nur als Wort interessierst, sondern als Haltung, dann ist „Der kleine Jagdkompass“ aus meiner Sicht eine sehr gute Investition. Es ist kein Buch, das Dir fertige Antworten hinlegt. Es ist ein Buch, das Dich in die Verantwortung nimmt, ruhig, strukturiert, fundiert. Genau deshalb regt es zum Denken an.
Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Wirkung. Du wirst als Jäger nicht nur „informierter“, sondern bewusster. Und das ist für mich ein Kern von weidgerechtem Handeln.
Weidmannsheil.
